| Globalisierung
als Projekt und Prozess |
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| I Von Zeit zu Zeit wechseln die
Signalwörter, die den wissenschaftlichen und politischen Diskussionen ihren Stempel aufdrücken. Ihre Attraktivität ist dabei weniger der analytischen Trennschärfe geschuldet, als vielmehr der Fähigkeit, das gesellschaftliche Zeitempfinden, insbesondere das Problem- und Krisenbewusstsein auf einen allgemeinen Nenner zu bringen. Genau dies gilt derzeit offensichtlich für den Begriff der „Globalisierung“. Seit Ende der 80er Jahre erlebt er einen nahezu kontinuierlichen Aufstieg. Obwohl er mittlerweile in aller Munde ist, und seine disparate Verwendung die Kommunikation oft eher erschwert als erleichtert – zuweilen gewinnt man den Eindruck, jeder hat seine eigene (positive oder negative) Globalisierungsphilosophie –, scheint er seinen Zenit noch immer nicht überschritten zu haben. Der Verdacht liegt daher nahe, dass „Globalisierung“ mehr als nur eine vorübergehende, wissenschaf tlich und politische gepuschte Modevokabel ist. Gleichsam in Ergänzung zur „Postfordismus“-Debatte, die stärker die innergesellschaftlichen Umbruchdimensionen – Produktion, Konsum, Politik, Öffentlichkeit, Sozialstruktur etc. – im Auge hat, konzentriert sich die Globalisierungs-Diskussion auf Veränderungen in der internationalen bzw. globalen Struktur des kapitalistischen Reproduktionsmodus (vgl. auch Ingrao/Rossanda 1996). Zu klaren Ergebnissen hat sie bislang jedoch nicht geführt. Trotz der zuweilen intensiven Diskussionen, sind die theoretischen Referenzpunkte und der analytische Rahmen, d.h. die Kriterien und Maßstäbe, anhand derer die Globalisierungsdynamiken genauer bestimmt werden, noch immer umstritten. Gleiches gilt entsprechend für die offerierten politischen Strategiekonzepte. Globalisierung, Chiffre für was? Das Spannungsfeld der wissenschaftlichen wie politischen Debatten wird durch zwei Extrempositionen abgesteckt. Am einen Ende des Spektrums versammeln sich Autoren, die Globalisierung als einen externen Sachzwang begreifen, dem sich letztlich niemand entziehen kann. Die Globalisierung markiert in diesem Sinne ein fixes, |
politisch unverrückbares Datum,
dem sich die nationalen Gesellschaften entweder unterwerfen und anpassen oder die Kosten einer misslungenen Anpassung, d.h. eine geschwächte internationale Wettbewerbsfähigkeit, tragen müssen. Vorherrschend ist diese Sichtweise nicht nur bei neoliberalen Wettbewerbsfetischisten, die die „Entbettung“ der Ökonomie als geschichtsmächtige Wohltat lobpreisen, um anschließend die wettbewerbspolitischen Anpassungsleistungen durchzubuchstabieren (so z.B. das Institut der deutschen Wirtschaft oder das Institut für Weltwirtschaft). Auch linke Apokalyptiker neigen zuweilen dazu, einen gegenüber der nationalen Reproduktion enthobenen und verselbständigten, daher umso mächtigeren, globalen Kapitalismus zu unterstellen, der jenseits der katastrophischen Zuspitzung seiner inneren Widersprüche bestenfalls Nischen-Optionen zulässt (vgl. u.a. Narr/Schubert 1994; Koch 1995). Den zentralen Bezugspunkt der Argumentation – sowohl für die neoliberale Wettbewerbsprogrammatik als auch für deren apokalyptische Kritik von Links – bildet die wachsende Bedeutung von grenzüberschreitenden ökonomischen Transaktionen. Allein statistisch, d.h. quantitativ betrachtet, haben sich diese seit den 80er Jahren enorm beschleunigt und bestimmen in wachsendem Maße die nationalen Reproduktionsmuster. Die „Sachzwang-These“ unterstellt ein qualitativ verändertes Verhältnis von globaler Ökonomie und nationaler Politik. Der Dynamik des internationalen Handels in den 50er und 60er Jahren, dessen Wachstumsraten etwa doppelt so hoch lagen wie die des BSP, kam dabei nur eine vorbereitende Rolle zu. Weitaus bedeutsamer sind die Entwicklungen ab Anfang der 80er Jahre. Das Volumen der ausländischen Direktinvestitionen und der internationalen Finanztransaktionen (Kredite, Spekulationen) nimmt seitdem nicht nur sprunghaft zu – Stichwort: „Kasino-Kapitalismus“ –, sondern scheint die nationalen Regulationsstrukturen überdies gleichsam alternativlos in die übergreifende Logik der kompetitiven Austerität und Deregulierung zu zwingen. |
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| Den anderen Extrempol in der
Globalisierungsdebatte markieren Positionen, die den Begriff der Globalisierung als inhaltsleere Chiffre bzw. als Mythos zurückweisen (vgl. u.a. Krätke 1997; Heise/Küchle 1996). Zwei Kernargumente sind dabei zentral: Zum einen wird ein qualitativer Sprung zu einer globalisierten kapitalistischen Reproduktion bestritten, schließlich entspreche die Verflechtung der Weltökonomie vor 1913 etwa dem heutigen „Globalisierungs-“Niveau. Selbst die neue Dynamik der globalen Finanztransaktionen und der Direktinvestitionen, die sich ihrerseits vornehmlich auf Handels- und Finanzdienstleistungen konzentrieren, also keineswegs in erster Linie auf Produktionsverlagerungen hindeuten, weist, so die „Mythos-These“, über graduelle Verschiebungen nicht hinaus. Das andere Argument richtet sich vor allem gegen den ideologischen Gehalt der Standortdebatte. Auch hier zeige der Blick auf die empirischen Daten, d.h. die Zahl der tatsächlichen Standortverlagerungen, dass sich hinter der „Globalisierungs-Rethorik“ und den vermeintlichen Strukturveränderungen und Sachzwängen häufig nurmehr politisch motivierte, neoliberale Drohgebärden verbergen. Mit Bezug auf die empirischen Statistiken scheint es offensichtlich gute Gründe zu geben, beiden Extrempositionen etwas abzugewinnen. Der wissenschaftliche und politische Klärungsprozess wird auf diesem Wege jedoch nicht vorangetrieben. Das Kernproblem in der Globalisierungsdiskussion besteht nämlich in weniger in der „richtigen“ Interpretation der ökonomischen Daten, als vielmehr in der analytischen Perspektive, die dabei eingenommen wird; und diesbezüglich ist sowohl die Mythos- als auch die Sachzwang-These problematisch. In beiden Sichtweisen reproduziert sich eine fragwürdige bzw. überholte Grundannahme, die den Blick auf den politischen und sozialen Charakter der derzeitigen Transformationsprozesse verstellt: die starre Gegenüberstellung von ökonomischen Strukturen und politischem Handeln, d.h. die Dichotomie von (Welt- )Markt und (National-)Staat. So übersieht die Mythos- These, dass sich im Kontext der politischen, institutionellen und sozialen Umbrüche durchaus eine neue, „globalisierte“ Qualität der kapitalistischen Reproduktion abzeichnet, während die Sachzwang- These diese neue Qualität ausschließlich auf der strukturellen bzw. systemischen Ebene, nicht aber als das Resultat gesellschaf tlicher Auseinandersetzungen und politischer Entscheidungen, in den Blick nimmt. Mit anderen Worten: Globalisierung – bzgl. der Struktur der ökonomischen Verflechtung ist der Begriff der Triadisierung übrigens genauer – ist weder ein externer Sachzwang noch ein hausgemachter politischer Mythos, sondern Resultat und Bestandteil von neoliberalen Politikprojekten, die sich in ihren verschiedenen Varianten und Zuspitzungen seit den 80er Jahren weltweit auf dem Vo rmarsch befinden.1 Die hier vorgeschlagene Projekt-Perspektive hat vor allem zwei Vorteile: Zum einen focussiert sie den sozialen und politischen Charakter der globalkapitalistischen Umbrüche; und zum anderen präferiert sie analytisch einen mittleren Zeithorizont, der von den |
langfristigen strukturellen
Transformation wie den kurzfristigen, tagespolitischen Problemen, Umschwünge und Bewusstseinslagen allerdings keineswegs entkoppelt ist. So macht z.B. Eric Helleiner (1997) mit Bezug auf Fernand Braudel darauf aufmerksam, dass sich die Dynamik und der Verlauf der Globalisierung je nach Zeithorizont unterschiedlich darstellen: 1. In der Perspektive der „long durée“ gleicht die Globalisierung einem säkularen Trend, der b ereits seit dem 15. Jahrhundert nahezu stetig die Entfaltung kapitalistischer Austauschbeziehungen vorantreibt. Auch die in jüngster Zeit wiederholt zitierten Passagen aus dem Kommunistischen Manifest über die kolonialisierende und nivellierende Kraft des Weltmarkts können als ein Beleg dieser sehr langfristig und strukturell wirksamen Globalisierungstendenzen interpretiert werden. 2. Der „kurzfristige“ Zeithorizont erfasst primär die tagespolitischen Stimmungslagen. So gesehen, stehen die unmittelbaren Probleme und akuten Konflikte eindeutig im Vordergrund. Die emotionalen Schwankungen des Alltagsbewusstseins triumphieren gleichsam über die vielfältigen Kontinuitäten der materiellen und institutionellen Reproduktion. Mit Blick auf die modischen öffentlichen Diskussionen werden in der kurzfristigen Perspektive die Diskontinuitäten überzeichnet. 3. Der mittelfristig angelegten „konjunkturellen“ bzw. „zyklischen“ Perspektive entsprechen bestimmte Entwicklungskonstellationen, die sich eher im Laufe einiger Jahrzehnte entfalten. Sie focussiert, in gewisser Weise ähnlich wie z.B. die Regulationstheorie, auf unterschiedliche Phasen innerhalb der kapitalistischen Entwicklung. Gerade hinsichtlich der Globalisierungsdynamik werden nicht nur die den unterschiedlicher Zeitspannen inhärenten spezifischen zeitlichen und räumlichen Bewegungformen (die Modi der räumlichen und zeitlichen Kompression) betont. Die mittelfristige Perspektive legt es überdies nahe, das Ensemble der ökonomischen, sozialen, institutionellen und kulturellen wie ideologischen Praktiken und (Kräfte-) Verhältnisse, d.h. den besonderen sozialen Charakter der gesellschaftlichen Formation, genauer zu entschlüsseln. Der hier unterbreitete Vorschlag, die Globalisierung weder als externen Sachzwang noch als politisch inszenierten Mythos, sondern als über (neoliberale) Modernisierungsprojekte vorangetriebenen Restrukturierungsprozess zu betrachten, ist auf dem hier zuletzt skizzierten mittleren Zeithorizont zu verorten. Analytisch und konzeptionell scheint diese Perspektive insofern aufschlussreich, als sich in ihr die wesentlichen Erkenntnisse der kurzfristigen Momentaufnahmen und der langfristigen Strukturanalysen verdichten. Indem sie ihr Augenmerk auch auf die politisch umkämpften Dimensionen der Globalisierung richtet, bleibt sie gegenüber den vielfältigen Problemen und Konflikten der institutionellen, administrativen, ökonomischen wie beschäftigungs- und sozialpolitischen Modernisierung sensibel. So vermag sie denn auch die neue, globale Qualität der kapitalistischen Reproduktion, wenigstens |
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| partiell in den
Handlungshorizont gesellschaftlicher Akteure rückzuübersetzen. Zugleich (re-)produzieren die politisch initiierten und zuweilen umkämpften Globalisierungsprojekte jedoch auch Schranken der politischen Gestaltbarkeit, da sie die Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion fundamental transformieren. Neben den disziplinierenden Zwängen des „new constitutionalism“ (vgl. Gill 1995), d.h. der institutionellen, bürokratischen und ideologischen Absicherung der neoliberalen Vorherrschaft, kann mit David Harvey (1995: 8ff) vor allem auf drei grundlegende Transformationsprozesse hingewiesen werden: erstens, gleichsam in „Fortsetzung“ der kapitalistischen Überakkumulation der 70er Jahre, auf die Deregulierung und Aufblähung der globalen Finanzmärkte; zweitens auf die informationstechnologisch basierte Revolutionierung der Produktions-, Distributions- und Kommunikationsstrukturen; und drittens schließlich auf die Modernisierung des globalen Infrastruktur und des Transportsektors, wodurch die Entfernungen zwischen den entlegendsten Regionen der Welt für das Waren-, Produktions- und Geldkapital (zum Teil auch für die Menschen) zwar nicht irrelevant, aber doch prinzipiell leichter überbrückbar werden. Formwandel der Politik in Westeuropa Dass sich die qualitativen Einschnitte im Prozess der Globalisierung immer auch über politische Kämpfe und Entscheidungen vermitteln, verdeutlichen auch die Veränderungen im politisch-institutionellen Regulationsgefüge. Die neuen Kriterien und Modi der staatlichen Regulation sind nämlich nicht nur ein Resultat der ökonomischen Globalisierungstendenzen und Strukturbrüche (neue Technologien, neue Formen der Produktions- und Arbeitsorganisation - „lean production“ -, Rationalisierungsschübe, sozialstrukturelle Umwälzungen etc.), sondern – in dem Maße, wie der Staat als Arena bzw. als ein besonderes Terrain gesellschaftlicher Auseinandersetzungen involviert ist – selbst auch ein Motor der forcierten Globalisierung (vgl. Cerny 1997). Der Formwandel der Politik, der sich im Übergang vom „Keynes‘schen Wohlfahrtsstaat“ zum „nationalen Wettbewerbsstaat“ (Altvater 1994; Hirsch 1995) bzw. zum „Schumpeter‘schen Workfare State“ (Jessop 1995) abzeichnet, stellt sich – knapp skizziert – folgenderm aßen dar: 1. Offensichtlich verändert sich mit der Hinwendung zu neoliberalen bzw. monetaristischen Wettbewerbsstrategien die innere Gliederung des Komplexes der Staatsapparate. Sowohl zwischen als auch innerhalb der staatlichen Institutionen werden die Prioritäten, Kompetenzen und Interventionskriterien neu definiert. Dies drückt sich unter anderem darin aus, daß die stärker „extern“, d.h. auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit orientierten Staatsapparate – z.B. Bundesbank, Ministerien für Wirtschaft, Finanzen, Außenpolitik etc. – aufgewertet und gestärkt werden, indessen die Apparate mit stärker sozialintegrativen Zielsetzungen – Arbeit, Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung, |
Kultur etc. – an Gewicht und
eigenständiger Gestaltungskraft verlieren (vgl. Panitch 1994). 2. Die Ökonomisierung der politischen Regulation manifestiert sich gleichfalls in den modifizierten Strategien und Formen der staatlichen Intervention. Diese sind nicht nur dezentraler und flexibler ausgerichtet, sondern vor allem „marktanalog“ und wettbewerbsfördernd konzeptionalisiert, z.B. in Gestalt der „public-private-partnerships“. Gleichwohl ist diese Marktfixierung häufig besonders repressiv und disziplinierend. Dies zeigen nicht zuletzt die „Workfare“-Strategien im Bereich der Sozial-, Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik (vgl. auch Bieling/Deppe 1997). 3. Vom Formwandel der Politik bleibt auch das System der politischen Repräsentation nicht unberührt. Obgleich unter formalen Gesichtspunkte nur wenig verändert, ist ein schleichender Prozess der „Entdemokratisierung“ kaum mehr zu bestreiten. Einige der Voraussetzungen der liberalen Demokratie werden zunehmend brüchiger. Gerade die „intermediären“ zivilgesellschaftlichen, d.h. zwischen Staat und Gesellschaft vermittelnden Organisationen – Parteien, Verbände, Gewerkschaften, Kirchen etc. – präsentieren sich deutlich geschwächt. Dies hat unter anderem zur Fo lge, dass sich die ökonomischen Machtzentren (Zentral- und Großbanken, TNK’s) gesellschaftlich „entbetten“ und der demokratischen Einflussnahme entziehen. 4. Die veränderten Strukturen, Inhalte und Formen der politischen Regulation vermitteln sich in Westeuropa nicht zuletzt durch ein verändertes Zusammenspiel der unterschiedlichen Ebenen. Auffällig ist die zunehmende, wenn auch häufig nur partielle Übertragung von vormals nationalstaatlichen Kompetenzen auf die supranationale EU-Ebene. Die Integrationsforschung spricht in diesem Kontext von einem „dynamischen Mehrebenensystem“ (vgl. Jachtenfuchs/Kohler-Koch 1996). Zumindest implizit wird damit angezeigt, d ass die Europäisierung von Staatsaufgaben nicht unbedingt die nationalstaatlichen Gestaltungsoptionen substituiert und restringiert, sondern sie oftmals sogar erweitert, da bestimmte Zielsetzungen innerhalb eines weitergreifenden Regelsystems einfacher und erfolgversprechender zu erreichen sind. Eine derart komplementäre Beziehung zwischen der nationalen und supranationalen Ebene gilt zwar nicht für alle Politikbereiche, so doch aber für die Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik. Hier haben die Integrationsprojekte des EG-Binnenmarktes, des EWS und der WWU das sozioökonomische und politische Gefüge Westeuropas tiefgreifend transformiert. Die Verallgemeinerung neoliberaler und monetaristischer Interventionsvorgaben vollzieht sich dabei nicht einfach als externer supranationaler Zwang, sondern erfolgt zumeist mit der Zustimmung bzw. Akzeptanz der nationalen Regierungen. Mehr noch: Die institutionellen Rahmenbedingungen – Grinspun/Kreklewich (1994) sprechen von „Conditioning Frameworks“–, über die die neoliberalen Politikmuster supranational festgeschrieben werden, kommen in der Regel |
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| wesentlich unter dem Nachdruck
nationaler Initiativen und Staatsapparate z ustande. All die verschiedenen Dimensionen des politischen Formwandels können letztlich als Momente einer weiteren „Internationalisierung des Staates“ betrachtet werden (vgl. Cox 1992), d.h. seiner internen Reorganisation wie der intensivierten internationalen Kooperation. Als integraler Bestandteil und Antriebsmoment der ökonomischen Globalisierungsdynamik, hat in diesem Sinne auch die europäische Integration gewirkt. Es ist schwerlich zu bestreiten, dass ihre maßgeblichen Projekte – EGBinnenmarkt, EWS und Währungsunion – die neoliberale Globalisierung eher gefördert als abgebremst haben. Als linke Gegenstrategie hieraus nun aber den Rückzug auf die Nationalstaat abzuleiten, wäre sicherlich falsch und fatal; schließlich eröffnet die europäische Integration grundsätzlich die Option alternativer Modernisierungsprojekte, deren Reichweite die Grenzen von bislang auf den Nationalstaat fixierten wirtschafts-, sozial- und beschäftigungspolitischen Vorstößen transzendiert. Jenseits des Neoliberalismus? Ob es der politischen Linken gelingt, all die sozialen und politischen Kräfte, deren Bedürfnisse und Anrechte in Konsequenz der neoliberalen Modernisierung und Disziplinierung verletzt und missachtet werden, zu einem progressiven gegenhegemonialen Block zu formieren, hängt zum einen sicherlich davon ab, ob sie selbst attraktive politische Projekte offeriert; zum anderen muss sie zugleich aber auch das ideologische Fundament des neoliberalen Diskurses aushebeln, indem sie die gesellschaftlichen Widersprüche und brennenden Problemlagen in eine alternative Krisenerzählung einbettet, die die Borniertheiten der Globalisierungs- und Standortdebatten überwindet und den Neoliberalismus selbst als Problemkern identifiziert (vgl. Hay 1995). Eigentlich haben sich die „objektiven“ Voraussetzungen einer Dekonstruktion neoliberaler Interpretationsraster – gerade auch in Westeuropa – deutlich verbessert. Die Realität scheint den ideologischen Schleier der neolib eralen Weltsicht geradezu von selbst zu zerreißen. Die Versprechungen des befreiten Marktes – die Wachstums-, Wohlfahrts- und Beschäftigungseffekte – lassen noch immer auf sich warten, und die sozialen Problemlagen türmen sich weiter auf. Nicht zu unrecht spricht Kees van der Pijl (1997) daher von einer „erschöpften Gesellschaft“, die unter dem Druck der neoliberalen Globalisierung ihre ökologischen und sozialen Reproduktionsgrundlagen zunehmend aufzehrt. Allgemein werden die neoliberalen Projekte in den 90er Jahren immer weniger durch Konsens als durch Zwang aufrecht erhalten. Die disziplinierenden Aspekte (Workfare, Armut, Austerität, etc. ) treten gegenüber den konsensualen Bezugspunkten (Wachstum, Modernisierung, Wohlfahrt etc.) mehr und mehr in den Vordergrund. Diese Entwicklung ist auch in der EU beobachtbar. Erzeugte das Binnenmarktprojekt bei großen Teilen der Bevölkerung zunächst noch |
euphorische Gefühle, so stößt
die Währungsunion überwiegend auf Ablehnung. Die Arbeiter- und unteren Mittelklassen wie die ländliche Bevölkerung lehnen das Projekt mehrheitlich ab, indessen die ökonomischen und politischen Eliten ihm zustimmen. Auch in den nationalen Parlamentswahlen macht sich diese Kluft wiederholt dergestalt bemerkbar, dass den Varianten eines harten neoliberalen Kurses das Vertrauen entzogen wird. So sind mit der Ausnahme Spaniens und Deutschlands in allen EU-Ländern mittlerweile sozialdemokratische Parteien an der Regierungsbildung beteiligt.2 Sicherlich wäre es verfrüht, aus den hier aufgeführten Widersprüchen bereits eine finale Krise des Neoliberlismus abzuleiten. Zwar werden seine positiven Bezugspunkte – die Ausstrahlungsfähigkeit des marktgetriebenen Produktivismus – unverkennbar brüchig, doch noch immer zehrt er von der „eisernen Reserve“, dass ihm keine wirklich attraktiven Gegenentwürfe gefährlich werden. Das Kürzel „TINA“ – There is no Alternative – scheint die oppositionellen Kräfte zu lähmen bzw. auf neoliberale Pfade zu lenken (vgl. Barrat-Brown 1997). Die zentrale Aufgabe der Linken muss von daher darin bestehen, der weit verbreiteten defätistischen Grundhaltung entgegen zu treten und Alternativen aufzuzeigen. Konzeptionell anregende Gedanken liefern diesbezüglich zwei Positionspapiere, auf die hier abschließend hingewiesen werden soll. Auch wenn sie zunächst nicht sonderlich attraktiv erscheinen, da sie sich auf Fragen der Beschäftigungsförderung und sozialen Kohäsion im Rahmen einer alternativen Wirtschafts- und Finanzpolitik beschränken, markieren sie zumindest den sozio -ökonomischen Ausgangspunkt für weiterreichende linke Projektentwürfe. In dem einen Papier skizziert Alain Lipietz (1996) unter Berufung auf zwei renommierte französische Forschungsinstitute – das OFCE und das CEPII –, dass die wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigungssituation in Westeuropa entscheidend verbessert werden kann, wenn entgegen den monetaristischen Austeritätszwängen der WWU euro - keynesianische Initiativen ergriffen werden; vor allem: eine weitere Senkung der kurzfristigen Zinsraten, Währungsabwertungen, niedrigere Sozialbeiträge der Unternehmen, eine geringere Steuerbelastung für die Haushalte. Den Berechnungen zufolge hat ein derartiges Erneuerungsprogramms den Effekt, daß sich das Wachstum während der nächsten drei Jahre um 5.7% erhöht (ohne die öffentlichen Haushalte weiter zu belasten) und sich die Arbeitslosigkeit und 2.5 Prozentpunkte verringert. Angesichts der derzeitigen Quote von deutlich über 10% (die Institute gehen von 12% aus) ist dies natürlich vollkommen unzureichend. Zusätzlich wird daher eine – auch unter ökologischen Gesichtspunkten sinnvolle – Strategie der forcierten Arbeitszeitverkürzung empfohlen. Eine europaweite Reduktion der Arbeitszeit um 10% (ein Viertel davon mit Lohnausgleich) in den nächsten fünf Jahren würde demnach die Arbeitslosigkeit um 5.4 Prozentpunkte verringern. Auch wenn derartige Berechnungen immer ungenau bleiben müssen, verdeutlichen sie doch, dass alternative Entwicklungspfade prinzipiell begehbar sind |
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| und auch im Hinblick auf die
angespannte Erwerbssituation sowie die stark belasteten sozialen Sicherungssysteme spürbare Verbesserungen bringen. In die gleiche Richtung argumentiert das kürzlich im Anschluss an den Aufruf zur Vollbeschäftigung in Westeuropa initiierte „Euro -Memo“ (1997). Gegen die neoliberal-monetaristisch geprägte Währungsunion weist es nachdrücklich darauf hin, dass sich eine wirklich erfolgversprechende Beschäftigungspolitik nur im Kontext einer umfassend angelegten wirtschafts- und finanzpolitische Konzeption realisieren lässt. Diese wird durch folgende Kernelemente markiert: eine Geldpolitik, die sich vom Fetisch der Deflation verabschiedet, indem sie die Zinspolitik sozialen und ökologischen Kriterien nachordnet und dem Diktat einer undemokratischen, angeblich „autonomen“ Institution entzieht; eine Wechselkurspolitik, die die Schwankungen und Anpassungen möglichst kooperativ und nicht-hierarchisch reguliert; eine Fiskalpolitik, die sich entgegen den Imperativen der internationalen Finanzmärkte einer positiven Beschäftigungsentwicklung verschreibt3; eine engagierte Arbeitszeitpolitik, die neue Arbeitsplätze dadurch schafft, dass sie der Überstunden-Praxis wirklich kraftvoll entgegentritt und die persönliche Arbeitszeit flexibel, aber drastisch reduziert (Wochenarbeitszeit, Sabbaticals, Elternurlaub, Frühverrentung, Teilzeitarbeit, Job-sharing etc.); und schließlich eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die den Tendenzen der Entqualifizierung und dauerhaften sozialen Exklusion – häufig infolge von Langzeiterwerbslosigkeit – entgegenwirkt. Für das Euro -Memo gilt letztlich gleiches wie für die von Lipietz aufgezeigte Bilanz: Beide zeigen entgegen dem „TINA“-Slogan, dass durchaus alternative Entwürfe existieren; vorerst allerdings nur auf der konzeptionellen Ebene und nicht im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein. Dies zeigt, wie politikabhängig die weitere Dynamik und der soziale Gehalt der Globalisierung sind. Vor allem den konkreten gegenhegemonialen Projekten kommt die Funktion zu, die allgemeinen strategischen Überlegungen in der |
Alltagspraxis zu verankern. Ob
ein solcher Brückenschlag in absehbarer Zeit wirklich gelingt, ist mit Blick auf die maßgeblichen politischen Organisationen momentan jedoch eher zu bezweifeln. _ _ _ _ 1) Die Verallgemeinerung neoliberaler und monetaristischer Vorgaben vollzog sich innerhalb der Triade wesentlich über die regionalen Integrationsverbünde und Freihandelszonen, in den Ländern der kapitalistischen Peripherie (Südam erika und Afrika) – vor allem infolge der internationalen Verschuldungskrise – wirkten die Auflagen und Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, und in Osteuropa wurden im Kontext der rapiden Privatisierung und Markteinbindung ehemaliger staatlicher Unternehmen („Schocktherapie“) die Leitsätze der neoliberalen Deregulierungs-philosophie befolgt. 2) Der britische Blairism könnte jedoch paradigmatisch sein: Nachdem das Gestaltungspotential der neoliberalen Parteien erschöpft ist und diese abgewählt werden, macht sich die Sozialdemokratie nun selbst dazu auf, die wirtschaftspolitischen Kernelemente der neoliberalen Strategie zu adaptieren. 3) Hierzu ist eine verbesserte Finanzbasis der öffentlichen Haushalte unerläßlich. Den Steuerausfällen – wesentlich ein Resultat der Wachstumsschwäche und des zwischenstaatlichen Steuersenkungswettlaufs – ist innerhalb der EU zum einen über eine wirkliche Steuerharmonisierung entgegenzutreten, zum anderen aber auch durch die Erhebung neuer ökologisch sinnvoller Einnahmequellen. Außerdem besteht die Option durch besonders günstige Kredit-Konditionen für die öffentliche Hand und ein vorübergehendes Deficit-Spending die Konjunktur anzukurbeln. |
| Autor: Hans-Jürgen Bieling | Der Artikel erschien bereits in:
Bieling/Bischoff/Huffschmid/Röttger: Total Global? Weltmarkt-Nationalstaat-Neoliberalismus, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 10/97 |