Eine andere Welt ist möglich: Sozialismus
Die Kritik der globalisierungskritischen Bewegung am
Neoliberalismus umfasst meiner Meinung nach die Verpflichtung auf vier
Grundwerte: Gerechtigkeit, Effizienz, Demokratie und Nachhaltigkeit.
Dabei
versteht man unter Gerechtigkeit am besten gleich drei weitere Werte:
Freiheit,
Gleichheit und Solidarität. Eine Variante des egalitären
Gerechtigkeitsprinzips
ist, dass jedem Menschen der gleiche Zugang zu den von ihm benötigten
Ressourcen
gewährt wird, damit er sein Leben so führen kann, wie er es für richtig
hält.
Unter Effizienz ist zu verstehen, daß keine Ressourcen verschwendet
werden;
auch dann nicht, wenn es um wünschenswerte Ziele geht. Demokratie
schließlich
ist das zentrale Element in der Kritik der Bewegung an der Diktatur der
Finanzmärkte: So wie sich die Demokratie in der Praxis der Bewegung
darstellt,
beinhaltet sie das Engagement für radikale Formen von
Selbstorganisation und
Selbstbestimmung. Und schließlich Nachhaltigkeit: Wir wollen ein
System, in dem
jede Generation die Erde in einem mindestens so guten Zustand verlässt,
wie sie
sie vorgefunden hat.
Wenn wir sagen »Eine andere Welt ist
möglich«, müssen wir
uns darüber im Klaren sein, dass dies ein anderes soziales System mit
einer
anderen sozialen Logik als der des Kapitalismus bedeutet. Teilreformen
– etwa
die Regulierung der Finanzmärkte oder der Partizipationshaushalt mögen
zwar
hier und jetzt erstrebenswert sein, aber sie müssen als Teil eines
größeren
Prozesses, eines Kampfes für eine systemische Transformation, gesehen
werden.
Es ist eine Schwäche der jetzigen Bewegung,
dass sie sich
dieser Realität bislang noch nicht ausreichend gestellt und sich statt
dessen
auf die vollkommen berechtigte Kritik am Neoliberalismus, sowie auf das
Vorbringen spezieller Forderungen, konzentriert hat. Dieser Fokus hat
sicherlich
zunächst dazu beigetragen, eine immer größer werdende globale Bewegung
zu
vereinen. Aber nach den Fortschritten der letzten Jahre ist diese
Bewegung reif
genug, Alternativen zum Kapitalismus zu diskutieren.
Ein Grund, weshalb Alternativen derartig
vorsichtig
begegnet wird, ist der (nicht mehr) »real existierende Sozialismus«.
Nach dem
Zerfall der Sowjetunion war die ursprüngliche Vision einer
progressiven,
modernen Alternative zum Kapitalismus diskreditiert. Es wäre aber ein
Fehler,
vor dieser Stimmungslage zu kapitulieren.
Marx stellte sich
den Sozialismus als einen Prozess der Selbstemanzipation vor – in den
Worten
des amerikanischen Marxisten Hal Draper als »Sozialismus von unten« im
Gegensatz zum »Sozialismus von oben«, dem Stalinismus und der
Sozialdemokratie.
Marx entwickelte die Idee einer sozialistischen Transformation als
»Revolution
gegen den Staat«.
Dabei steht außer Frage, dass diese Vorstellung
von
Sozialismus sich genau so radikal von den späteren Gesellschaften der
UdSSR und
Osteuropas unterscheidet wie von dem, was in veränderter Form immer
noch in
China, Nord-Korea oder Kuba anzufinden ist.
Als erstes würde der Sozialismus die radikale
Erweiterung
der Demokratie bedeuten, was bedeutet, dass die wirtschaftlichen
Prozesse
denselben demokratischen Prinzipien unterworfen würden, denen auch das
politische Leben unterliegt. Es wäre eine Vertiefung von Demokratie –
an die
Stelle einer passiven Wählerschaft, die immer weniger gewillt ist, sich
zwischen
den mehr oder minder identischen, vom großen Geld und den
Medienkonzernen
hofierten Politikern zu entscheiden, würde eine neue Form der
partizipativen
Demokratie treten, die die Macht so weit wie möglich dezentralisiert
und in der
jene Menschen die Entscheidungen zu treffen, die auch selbst von ihnen
betroffen sind. Institutionell wäre dies dann eine Regierung eines sich
selbst
verwaltenden Bundes aus Arbeiter-, Verbraucher- und
Nachbarschaftsräten. Damit
eine solche Demokratie funktionieren kann, benötigen alle freien Zugang
zu
Informationen und die Möglichkeit, an der öffentlichen Debatte
teilzunehmen.
Die moderne Informationstechnologie macht das im Prinzip sehr einfach,
aber zur
Zeit wird die Öffentlichkeit (noch) durch die Medienkonzerne beherrscht.
Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist für
diese
Demokratie die Vergesellschaftung
fast aller materiellen Produktionsmittel und
auch der für die Massenkommunikation benötigten Infrastruktur
notwendig. Dazu
gehört auch ein System demokratischer Planung zur kollektiven
Entscheidung über
die Verteilung der Ressourcen. Und schließlich würde die Verteilung des
Einkommens so weit wie möglich auf dem Prinzip »Jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen« beruhen. Rohstoffe und Fabriken
sollten
generell gesellschaftliches Eigentum sein, Arbeitskräfte jedoch nicht:
die
Freiheit des Individuums, seine Tätigkeit zu wählen und zu wechseln,
ist ein
Versprechen, das der Kapitalismus gibt, aber nicht halten kann. Diese
Freiheit
wäre dagegen grundlegend für eine sozialistische Gesellschaft.
In meinen Augen entspricht der so verstandene
Sozialismus
den Werten, für die sich die globalisierungskritische Bewegung
einsetzt.
Individuen, die die Kontrolle über die Produktionsmittel miteinander
teilen,
sähen ihr Recht auf gleiche Freiheit nicht mehr verletzt, weil sie
nicht mehr
gezwungen wären, sich der kapitalistischen Ausbeutung zu unterwerfen. Sie wären
nicht mehr der fundamentalen Ungerechtigkeit des Kapitalismus
unterworfen,
durch die die Lebenschancen eines jeden Menschen an Zufälle wie Geburt
oder
Marktschwankungen gebunden sind. Und sie hätten alle denselben Anspruch
auf die
Ressourcen der Gesellschaft.