Die verkorkste deutsche Einheit oder der Bumerang kommt zurück!
Auszug aus einen Beitrag eines Journalisten des Hessischen Rundfung
Von einer neuen Einheit war 1990 nichts zu bemerken.
Im Gegenteil, es
herrschte eine schreckliche Gleichgültigkeit im Westen der inneren
Einheit gegenüber.
Von wegen Zusammenfügen des Besten, was die beiden
Länder ausmachte.
Bestes hatte ja nur der Westen, der Osten nur
Schlechtes.
Die Menschen "dort" waren entweder Stasi-Täter oder
SED-Opfer.
Es gab keine Personen mit eigenen Lebensgeschichten,
keine
Ärzte, Künstler, Arbeiter, Angestellten, berufstätige Mütter,
Wissenschaftler, Kindergärtnerinnen, Professoren,
von denen wir im
Westen irgendetwas hätten lernen können. Niemand.
Es gab auch keine
Strukturen, die wir uns - nach der Ent-Ideologisierung - näher
anschauen wollten zwecks möglicher Übernahme:
das Schulsystem nicht,
das Gesundheitssystem nicht,
die Kinderbetreuung nicht.
Rein gar
nichts. Und dann die politische Willensbildung.
Wer nicht der CDU oder
FDP beitrat, mit den Grünen fusionierte oder von der SPD gnädig
aufgenommen wurde,
war verfassungsverdächtig und polit-kriminell.
Da
wollte sich eine sozialistische Staatspartei reformieren,
demokratisieren. Das war ja unerhört.
Die Ungarn durften so etwas
machen. Gyula Horn, der langjährige Kader-Sozialist und spätere
reform-sozialistische Ministerpräsident,
wurde hier zu Lande hofiert
und geehrt, von Gorbatschow ganz zu schweigen. Aber im geeinten
Deutschland war das völlig unmöglich.
Die "SED-Nachfolge-Partei" war
eine Verbrecher- und Mörderbande, Parias, Geldwäscher, Unpersonen.
Sie
galt es totzuschweigen, auszugrenzen wie in den Hochzeiten des "Kalten
Krieges".
Dabei wollten wir eine Gesellschaft sein, übersahen aber ganz
bewusst, dass eine Gesellschaft nur durch politische Auseinandersetzung
mit allen Ideen, Vorstellungen, Konzepten entsteht.
Auseinandersetzung
wohlgemerkt, nicht Akzeptanz per se, aber auch nicht Verunglimpfung und
Denunziation.
Und weil diese Auseinandersetzung unterblieb, wurden wir
von Jahr zu Jahr weniger eine Gesellschaft, obwohl die Politiker diese
Einheit stets beschworen.
Der Westen war und blieb der Westen.
Was der
Osten wurde, war der Riesen-Koalition aus FDP/CDU/CSU/SPD und GRÜNEN
ziemlich egal.
Und der großen Medien-Allianz im Westen auch.
Einziger
Störfaktor war sowieso die PDS - und 2002 schien es mit ihr endlich
vorbei.
"Nicht mehr im Bundestag vertreten" hieß: nun konnte man noch
besser totschweigen und ausgrenzen als zuvor.
"Dass die PDS aus dem
Bundestag geflogen ist, empfinde ich als ein schönes Geschenk", freute
sich damals Angela Merkel.
Es war ein Danaer-Geschenk.
Denn nun, im 15.
Jahr der Einheit, kommt der Bumerang zurück.
Was als zerstörerische
Kraft gegen den Osten im Westen eingesetzt wurde, die systematische
Negation von allem,
was links sein könnte von der Sozialdemokratie,
wirkt auf einmal nicht mehr.
Die Stimmung hat sich geändert. Die
Angst-Parolen haben sich abgenutzt.
Der Osten will endlich auch eine
Rolle spielen, Bewegung in die trostlos-erstarrte Politik bringen,
die
sich nicht einmal die Frage stellt, was eigentlich mit diesem geeinten
Vaterland in Zukunft geschehen soll,
geschweige denn eine Antwort auf
diese Frage hätte.
Zwei Millionen Abwanderer, immer mehr Alte, Arme,
Kranke - dieses Thema Osten will der Westen nur los werden.
Aber wie?
Darum geht es in diesem Wahlkampf - und erst recht in der Zeit danach.